Weil Geld fehlt: Papa kann nicht täglich bei seinem krebskranken Sohn sein

Bild: kurier red

Alles hat so gut angefangen für Daniela (37) und Jörg Hautmann (40): Sie verlieben sich, haben beide einen Job, heiraten, bauen ein Haus, bekommen ein Kind. Doch dann wird Jörg Hautmann krank, verliert seine Arbeit. Im Januar erkrankt Sohn Moritz (2) an Krebs. Seitdem wohnt Daniela in der Klinik. Auch Jörg möchte nur eins: täglich bei seinem Sohn sein. Und genau das droht zu scheitern. Am Geld.
Am Unterarm hat Jörg Hautmann ein Datum eintätowiert: 19. Juli 2012, der Tag, an dem sein Sohn Moritz geboren wurde. Eine schwere Geburt, aber alles lief glatt. Ein völlig gesunder kleiner Junge. Das Familienglück war perfekt. Er arbeitete als Baggerfahrer, sie als Erzieherin im Kindergarten in Fichtelberg. An ihrem kleinen Haus in Mehlmeisel hat er selbst den obersten Stock fertig gemacht. Haus und Grund waren günstig, Familie Hautmann wollte richtig durchstarten.

In der Küche vom Ronald-McDonald-Haus in Erlangen, 130 Kilometer von Mehlmeisel entfernt, wo Eltern schwerkranker Kinder günstig übernachten können, sitzt Jörg Hautmann und weiß eigentlich gar nichts mehr. „Jetzt geht’s noch“, sagt er. Aber wenn man in die Zukunft blickt, „keine Ahnung, wie es weitergehen soll“. Ein paar hundert Meter weiter sitzt seine Frau bei Moritz und seinem Elefanten. Moritz ist schon fast so groß wie der Elefant, mit dem er spielt und lacht. Aber heute lacht er nicht. Er spielt nicht. „Gestern war wieder Chemo“, sagt Jörg. Schläuche, Spritzen, Pflaster, Schmerzen. Es geht ihm nicht gut.

Bandscheibenvorfall machte Vater arbeitslos
Jörg darf seit einem Jahr nicht mehr auf den Bagger. Die Erschütterungen verträgt seine Wirbelsäule nicht mehr. Bandscheibenvorfall. Vergangenes Jahr, ganz plötzlich. Ein kräftiger Mann, dessen Händedruck einem klar macht, dass er körperliche Arbeit gewohnt ist, sucht jetzt Arbeit. Eine Mischung aus Gehen, Sitzen und Stehen. Was soll das sein? Und wann? 22,50 Euro kostet eine Nacht im Ronald-McDonald-Haus. Günstig. Alle Getränke frei, einmal in der Woche machen Ehrenamtliche Frühstück und Abendessen. „Aber wovon bezahlen?“, fragt Jörg. Denn er will seinen Sohn täglich sehen, mit ihm spielen, bei Moritz sein.

Moritz. Es fing an mit dem Verdacht auf Lungenentzündung, das war am 13. Januar 2015. Krankenhaus Bayreuth. Sein Brustkorb war voller Wasser und drückte einen Lungenflügel komplett zusammen. Moritz atmete nur oberflächlich. Das Wasser drückte auch schon auf das kleine Herz. Die Ärzte legten eine Drainage, einen Schlauch, der das Wasser ableitete. Es klappte. Hoffnung. Das Wasser war weg, die Lungenentzündung abgeheilt. In zwei Tagen könne er nach Hause.

"Das ist nichts Gutes", sagte der Arzt
27. Januar, Abschlussuntersuchung. Statt ins kleine Haus nach Mehlmeisel bringt ein Krankenwagen mit Arztbegleitung Moritz um 13 Uhr in die Klinik nach Erlangen. Der Arzt sagte, der Kleine habe da was drin, „das ist nichts Gutes“. Jörg und Daniela sind beide bei der Bergwacht in Mehlmeisel, dort haben sie sich kennengelernt. Sie ist Bergwachtfrau, macht Sanitätsdienst am Lift, er ist Einsatzleiter in der Gesamtregion Fichtelgebirge. Seit 22 Jahren ist er dabei, seit vergangenem Jahr auch verantwortlich für die Prüfung der neuen Bergwachtler und die Ausbildung. Sie wissen, „wie Ärzte so sprechen“. Sie ahnten. „Das ist nichts Gutes“, hatte der Arzt gesagt.

Jörg war „geschockt“, den Nachmittag des 27. Januar erlebte er „wie in Trance“. Dann die Diagnose: Lymphdrüsenkrebs. Ein bösartiger Krebs, der Tumor wächst sehr schnell. Er war schon ziemlich groß, da gewachsen, wo das Wasser bei Moritz in der Lunge war. „Das war schon so ein Weltuntergang.“ Am gleichen Tag als Moritz mit Lungenentzündung in der Klinik aufgenommen wurde, wurde auch der Pate von Jörg, der Lebensgefährte seiner Mutter, in die gleiche Klinik eingeliefert. Er starb zwei Tage später an Krebs. Wie sein Vater sechs Jahre zuvor. „Das Wichtige ist jetzt der Kleine“, denkt er und geht nach Erlangen.

Krankenkasse zahlt nur Aufenthalt der Mutter
Daniela ist sowieso jeden Tag bei Moritz, das zahlt die Krankenkasse. „Ohne Mama geht es nicht.“ Sie musste sich krankschreiben lassen. Moritz wehrt sich tapfer gegen den Krebs. Der Tumor ist laut Ärzten schon kleiner geworden und in dem kleinen Körper sind auch keine anderen Tumore. Noch zwei Jahre, dann ist die Chemo erst mal vorbei. Dann noch sechs Jahre – dann gilt er wieder als geheilt. So klingt Hoffnung. Aber noch ein paar Wochen darf Moritz das Krankenhaus nicht verlassen. Und Jörg will bei ihm sein.

Artikel Kurier Schicksal einer Familie

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